Ich sage immer: „An ein Kind kommst du schneller als an fünf Euro“. Für manche Väter mag das stimmen. In meinem Fall lief es anders. Eine Sache haben wir alle gemeinsam: Das Vaterwerden geht verdammt schnell, sobald die Meldung offiziell ist.
Eines Nachts lief ich mit meinem Sohn auf dem Arm durch das Wohnzimmer und fragte mich: Bin ich schon Vater? Also nicht nur auf dem Papier, sondern richtig. Also der sein, was das Kind von mir erwartet und das zu sein, was ich darunter verstehe. Und sein möchte.
Die Antwort war nein.
In diesem Moment fühlte ich mich einfach nicht danach. Ich war noch nicht so weit. Ich dachte, ein Kind auf dem Arm zu tragen, macht aus mir noch lange keinen Vater.
In den folgenden Wochen horchte ich in mich hinein. Ich wollte wissen was mir fehlt, um bereit für diese Aufgabe zu sein.
Ein Teil der Antwort lag in der Zukunft. Das wurde schnell klar. Ich muss warten, was da auf mich zukommen wird und vorbereitet sein. Der andere Teil machte mir eher zu schaffen: die Vergangenheit. Mir wurde klar, dass meine Geschichte mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Alles das, was ich in Summe bin, ist dieser Vater. Nun bin ich nicht auf alles stolz, was sich da angesammelt hat und es wurde Zeit zum hinzuschauen. Jetzt kann ich sagen: Das hat sich gelohnt. Zwischen all den komischen Geschichten über das Saufen, das Skaten und den Handball fand ich, was mir all die Jahre als Kompass diente.
Das erst machte mich zum Vater. Darum möchte ich darüber schreiben.
Werden oder Sein?
Bevor man Vater wird, vergehen im Schnitt 35 Jahre. In dieser Zeit sammelt sich ein Leben an, das mit der Geburt eines Kindes nicht verschwindet, sondern eine neue Bedeutung erhält. Viele berichten, dass die Geburt alles verändert. Ich kann das bestätigen. Aber um zu verstehen, was sich wirklich verändert, lohnt es sich, vor dem eigentlichen Ereignis anzusetzen.
Der Titel dieses Textes lautet bewusst wie es ist, Vater zu werden und nicht wie es ist, Vater zu sein. Vaterwerden ist ein Übergang: ein Moment und ein Prozess zugleich. Und dieser beginnt nicht erst im Kreißsaal. Er beginnt in dem Augenblick, in dem du realisierst, dass ein Kind kommen wird. Plötzlich stehen Fragen im Raum, die sich nicht mehr wegschieben lassen (Liste nicht abschließend):
- Wann ist Geburtstermin?
- Welche Hebamme begleitet uns?
- Wo soll die Geburt stattfinden?
- Wie kommen wir ins Krankenhaus?
- Welcher Name?
- Elternzeit? Elterngeld?
- Ist die Wohnung groß genug?
- Was muss vorbereitet werden?
Diese Fragen zeigen dreierlei: Es wird ernst. Du erwartest Veränderungen. Und du beginnst, in die Rolle eines Vaters hineinzuwachsen. Je näher der Entbindungstermin rückt, desto klarer wird, dass vieles entschieden und geregelt werden muss. Gleichzeitig prasseln Geschichten, Erwartungen und gut gemeinte Ratschläge deiner Freunde und Bekannten auf dich ein. Doch dabei gerät eine Frage aus dem Blick, die nicht weniger wichtig ist, wie die zur Vorbereitung.
Wer bist du?

Bevor du Vater wirst, warst du jemand. Du hattest ein Leben vor der Geburt deines Kindes, und dieses Leben ist von Bedeutung. Es enthält Erfahrungen, die dich geprägt haben: Zeiten, die Kraft gekostet haben, und Zeiten, die dich getragen haben. In ihnen liegen deine Grenzen, deine Maßstäbe und das, woran du dich orientierst. Diese Jahre formen den Menschen, der nun Vater wird.
Daraus ergibt sich eine Wahrheit, die oft zu wenig Beachtung findet: Vaterwerden hat nicht nur mit dem Kind zu tun. Es hat genauso viel mit dir selbst zu tun. Mit der Person, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat und jetzt an diesem Wendepunkt steht. Vater zu werden, schließt Selbstzentriertheit nicht aus, ist sogar ein wichtiger Aspekt. Dir muss eines bewusst sein: Dein Kind ist absolut unvoreingenommen und wird auf einen Vater treffen, der bereits eine Geschichte mitbringt. Und je besser du diese Geschichte und dich selbst kennst, desto klarer wirst du in deiner Rolle handeln können. Denn wenn das Kind da ist, wirst du deiner Geschichte ein neues Kapitel hinzufügen und du musst entscheiden, welche Rolle das Kind in dieser Geschichte spielt und wie deine Rolle dabei aussehen wird.
Der Blick zurück fällt nicht immer leicht. Manche Kapitel löst man ungern auf, andere hat man lieber überblättert. Doch gerade die bevorstehende Geburt eröffnet die Möglichkeit, noch einmal hinzuschauen: Wo kommst du her? Wie bist du aufgewachsen? Welche Werte haben dich geprägt? Welche Erfahrungen tragen dich, und welche belasten dich? Dieser Rückblick wird offenbaren, wie du als Vater sein wirst.
Vaterwerden bedeutet deshalb nicht nur, sich auf ein Kind vorzubereiten. Es bedeutet auch, mit sich selbst zurechtzukommen. Wer verstehen möchte, wie er als Vater handeln und reagieren wird, findet viele Antworten in der eigenen Vergangenheit. Sie gibt Lichtblicke darauf, was du weitergeben möchtest und was nicht. Sie zeigt, welche Haltung du deinem Kind gegenüber einnehmen willst. Und sie öffnet den Raum für eine weitere entscheidende Frage:
Wer möchtest du für dein Kind sein?
Also, wer bist du?
Sobald das Kind geboren ist, gibt es eine ganze Stange an Themen, denen man sich widmen will und muss. Manche sind nervig, manche machen verdammt viel Spaß. Langsam schleicht sich der Alltag wieder ein. Das Kind schläft keine 16 Stunden mehr. Der erste Gedanke nach dem Aufstehen ist, wann du dich wieder hinlegen kannst. Du musst wieder arbeiten, du möchtest deine Freunde wiedersehen oder einfach mal lesen.
Und plötzlich kommen die Situationen, in denen dir die Geduld fehlt. Wo dir die Müdigkeit schlechte Laune bereitet und das schreiende Kind dich nicht klar denken lässt. Emotionen wie Wut, Verzweiflung und Erschöpfung kommen an die Oberfläche. Und wie nun damit umgehen? Schreien? Sandsack? Meditation? Um solche Situationen zu meistern, muss man sich gut kennen. Wissen, wie man mit diesen Emotionen umgeht. Und am besten so, dass das Kind keine Nachteile erfährt.
Und das sind dann auch Situationen, in denen man gern in alte Gewohnheiten zurückkehrt. Vielleicht wird man laut oder sehr leise. Man kann die Situation nur noch schwer kontrollieren. Aber genau das sind die Situationen, in denen du sehr viel über dich lernen kannst. Denn das alles passiert nicht, weil das Kind da ist, sondern weil sich die Umstände wegen des Kindes verändert haben und dich in unbekannte Situationen bringen. Wie du reagierst, ist in diesen vorherigen 35 Jahren festgelegt worden. Es ist an dir, das zu suchen und zu bewerten, ob es angebracht ist. Und falls nicht, an dir zu arbeiten.
Vaterwerden bedeutet, sich neu kennenzulernen und vielleicht auch, sich reparieren zu müssen.
Ende
Die Facetten des Vaterwerdens haben mehr Nuancen als jede Farbpalette, aber eines ist klar: Das Vaterwerden beginnt nicht am Tag der Geburt. Es ist sinnvoll und wichtig, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sich mit seiner Kindheit, seiner Jugend und dem Heranwachsen zu beschäftigen, denn das alles macht es aus, was für ein Vater du sein wirst.
Und das ist das Schöne am Vaterwerden: Du lernst nicht nur einen neuen Menschen kennen, sondern du hast auch die Chance, dich selbst neu kennenzulernen.
Nutze sie.
