Am 24. Februar 2022 hat Russland die Ukraine überfallen. Das ist der erste Krieg in Europa, den ich bewusst erlebe. Die Ukraine ist weit weg und dennoch drängen sich plötzlich unbequeme Fragen auf. Fragen, die unsere Sicherheit unmittelbar betreffen. Denn nun ist eines offensichtlich: niemand ist vor diesen verrückten Typen sicher, die meinen, alles würde ihnen gehören.
Der Krieg wütet zur Entstehung dieses Textes bereits über vier Jahre. In dieser Zeit wurden Familien zerrissen, unzählige Biografien zerstört und Kinder zu Waisen gemacht.
Mir drängt sich da eine Frage auf: wer kann sowas wollen? Staatschefs. Männer, die an großen Tischen sitzen und anderen befehlen, für sie eine Waffe in die Hand zu nehmen, um das zu tun, wofür sie selbst zu feige sind. Sie machen ihr Problem zum Problem Millionen anderer Menschen.
Wir müssen uns verteidigen!
Ich sitze bei Freunden auf einem Gartenstuhl, ein kleines Bierchen steht geöffnet vor mir. Es hat sich endlich etwas abgekühlt, der Mai hat alle Hitzerekorde gebrochen. Wir sind zu dritt. Das Thema: Sollen wir aufrüsten, damit wir uns verteidigen können?
Klar, im Ernstfall wünsche ich mir, dass wir eine funktionierende Bundeswehr haben, die Angreifer abwehrt, damit ich in „Frieden“ weiterleben kann. Ich habe keinen Bock auf Krieg und auf Nichts, was damit zusammenhängt. Ich hatte früher die Vision, dass ich mich aufs Fahrrad setze und einfach woanders hinfahre, wenn es soweit ist. Das wird eine Vision bleiben, denn die Umstände haben sich verändert: Kinder, Familie, Verantwortung. Trotzdem habe ich einen klaren Standpunkt zur Frage, ob wir für Verteidigungszwecke aufrüsten sollten.
NEIN
Aber wie sollen wir uns dann verteidigen?
Diese Frage ist berechtigt und aus meiner persönlichen Sicht nicht mehr zu beantworten, wenn der Krieg wütet. Wenn der Feind vor der Grenze steht, ist es zu spät. Dann helfen schließlich nur noch Waffen. Oder? Es ist nicht schwer zu erkennen, dass ich kein Militärstratege bin. Meine Güte, ich habe nicht mal den Grundwehrdienst absolviert. Ich habe verweigert und ich würde es heute wieder tun. Mir fällt kein überzeugender Grund ein, weshalb ich eine Waffe in die Hand nehmen sollte, nur weil erwachsene Männer nicht in der Lage sind, sich zu einigen. Weil die nicht miteinander reden können, wird unendlich viel Leid verbreitet. Das ergibt keinen Sinn. Sollen sie in einen Käfig gehen und sich aufs Maul hauen. Warum machen die ihr Problem zu meinem?
Verstanden habe ich das nie und ich gehe fest davon aus, dass mir diese Erkenntnis verwehrt bleiben wird. Umso weniger überraschend ist es, dass ich der Meinung bin, dass wir keine Waffen brauchen. Mein Vater meinte dazu „Das wurde schon den härtesten Pazifisten zum Verhängnis“. Das glaube ich sofort. Weil der Zeitpunkt für eine solche Meinung immer falsch ist.
Die Lage der Gesellschaft
Wenn der Feind vor der Grenze steht, müssen wir uns verteidigen. Dann wird die Debatte geführt, ob wir aufrüsten müssen, um uns gegen die verrückt gewordenen zu verteidigen. In Zeiten des Friedens wird die Debatte nicht geführt. Aber muss sie nicht genau dann geführt werden? Offensichtlich wurde das in den letzten Dekaden verschlafen, denn die Berichte um die marode und „kaputtgesparte“ Bundeswehr lesen wir heute an jeder Littfaßsäule. Es wurde lange davon ausgegangen, dass wir keinen Krieg mehr führen müssten. Konnten uns auf den Wohlstand der Wenigen konzentrieren und in Ruhe darauf vorbereiten, wie wir am besten unsere Sozialsysteme gegen die Wand fahren. Gut, das ist ein anderes Thema, jedoch eng damit verknüpft, in welcher Lage sich die Gesellschaft befindet. Und dieser Umstand hat Auswirkungen darauf, wie wir Krieg verstehen. Verteidigung beginnt nicht an einer Grenze, sondern viel früher: mitten in der Gesellschaft, lange bevor irgendein Feind am Horizont auftaucht. Es ist doch grundlegend falsch erst dann über Sicherheit und Aufrüstung zu reden, wenn die Panzer schon rollen.
Ich habe mich gefragt, was eine Gesellschaft eigentlich stark macht. Es ist die Staatskapazität. Das ist die Fähigkeit eines Staates, seine Aufgaben zu erfüllen. Das sind so Dinge wie Steuern einziehen, Recht durchsetzen und für Bildung und Gesundheit sorgen. Und nun wird es lustig: Forscher:innen messen diese Staatskapazität (unter anderem) an Schulbildung und Lebenserwartung. Also an wesentlichen Merkmalen, die wir gemeinhin als „Sozialstaat" bezeichnen. All diese Fähigkeiten hängen also zusammen und verstärken sich sogar gegenseitig (Besley & Persson, 2010). Im Klartext bedeutet das, dass ein funktionierender Sozialstaat eng damit verknüpft ist, wie es um unsere Wehrhaftigkeit bestellt ist. Wir müssen uns nicht zwischen Krankenhäusern oder Panzern entscheiden. Das hängt zusammen. Während wir also mit einer „Gesundheitsreform“ das Gesundheitssystem kaputtsparen, schwächen wir gleichzeitig andere wichtige Systeme.
Ein Freund warf in einem Chat mal die Frage auf, ob eine gute Wirtschaft die Gesellschaft stärkt, oder eine starke Gesellschaft die Wirtschaft ankurbelt. Die Befunde sind eindeutig: Die Wirtschaft wächst nachweislich dort am besten, wo Menschen einander und ihrem Staat vertrauen (Knack & Keefer, 1997; Algan & Cahuc, 2010). Vertrauen ist also die Grundlage von allem. Von Wohlstand, Zusammenhalt und Verteidigungsfähigkeit.
Und was bedeutet das?
Selbst wenn wir alle Panzer der Welt hätten, nützen die uns nichts, weil niemand bereit ist, dieses Land zu verteidigen. Man nennt das will to fight, den Verteidigungswillen, und es soll Militärexpert:innen geben die ihn für wichtiger als jede Technologie halten (RAND, 2018). Dieser Wille lässt sich nicht kaufen oder aufrüsten. Er wächst aus der Überzeugung, dass dieses Land es wert ist, verteidigt zu werden. Was sollte man denn verteidigen? Marode Schulen? Fehlende Digitalisierung? Verspätete Bahnen? Hohe Mieten? Schlechte Aussichten auf eine Rente? Ein gebrochenes Gesundheitssystem? Einen Bundeskanzler, der uns regelmäßig beleidigt?
Die Überzeugung, ein Land zu verteidigen, entsteht nicht in der Krise. Sie entsteht in den Jahren davor. Aus der Frage heraus, ob unsere Gesellschaft gerecht ist. Ob Menschen das Gefühl haben, Teil von etwas zu sein, das sie schützen wollen.
Die Frage lautet also nicht „Sollen wir aufrüsten?“, sondern „In welchem Zustand ist unsere Gesellschaft, bevor der Feind überhaupt vor der Grenze steht?" Haben wir die jemals gestellt?
Lass uns über Frieden reden
Politiker:innen framen die Debatte um Aufrüstung zu häufig mit Krieg. Krieg hier, Krieg da. Oh, wenn der Kriegsfall eintritt. Aus meiner Sicht vergessen wir eine ganz wichtige Sache in dieser Betrachtung: Frieden.
Ich habe noch nie eine Debatte dazu verfolgt, wo wir den Frieden in den Fokus nehmen, wenn es um Aufrüstung geht. Ja klar, wir wollen Frieden. Aber mit Waffen erreichen. Das ist paradox, denn wir leben ja in Frieden. Wozu also Waffen?
Es gab Abrüstungsverträge, nur reden wir gerade nicht mehr darüber. Ich ertappe mich, wie schnell der Reflex in mir aufkommt, auf eine Bedrohung mit Waffen zu reagieren. Aber das ist zu einfach. Zu naheliegend. Es erfordert eine komplexere Lösung, als auf eine Bedrohung durch Waffen mit Gleichem zu reagieren. Das Ergebnis ist Krieg. Wir kommen aus dieser Schleife nicht heraus, wenn wir auf Bedrohung immer mit Waffen antworten. Müssen wir mutiger werden und unser Denken anpassen? Ewig in dieser Spirale festzusitzen hilft nicht, so legen wir unser Glück in die Hände von Menschen, die keine Grenzen respektieren. Wir müssten nicht mit Waffen antworten, wenn wir alle keine Waffen mehr hätten. Das ist ein schwieriges und vielleicht aus heutiger Sicht ein unrealistisches Szenario. Aber es ist denkbar und damit im Bereich unserer Möglichkeiten. Es gibt Regeln, auf die wir uns alle mal verständigt haben. Stärkt die Sozialsysteme und damit die Resilienz der Gesellschaft. Das ist etwas, was man in Zeiten des Friedens tun kann. In Zeiten, wo Krieg auf der Welt herrscht, ist sowas undenkbar. Gerade dann, wenn niemand das Erfordernis für ein Aufrüsten sieht, müssen wir über ein Abrüsten sprechen.
Was hat das mit dem Vatersein zu tun?
Es war nicht mal Mitternacht, da hatte ich mein Bier ausgetrunken und eine angeregte Diskussion ging nahezu im Streit auseinander. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man mich verstanden hatte, ein Gedanke ging mir jedoch nicht aus dem Kopf. Alle in der Runde haben Kinder. Und mir lag ein Satz auf der Zunge, den ich nicht gesagt habe, weil er mir das Herz gebrochen hätte: Dann schickt doch eure Kinder in den Krieg.
Vielleicht wird das gern vergessen, wenn man dem Gedanken verfällt, dass wir Schutz brauchen und es als legitim erachten, aufzurüsten. Aber es wird eine Zeit kommen, in der unsere Kinder in die Situation kommen können, sich verteidigen zu müssen. Das müssen sie aber nicht, wenn ich jetzt den Frieden in den Fokus stelle. Wenn ich will, dass Frieden ist und niemand mehr in den Krieg muss. Ich bin derjenige, der heute diese Veränderung für meine und ganz viele andere Kinder fordern kann. Ich bin derjenige, der verantwortungsvoll die Zukunft des Planeten gestalten muss, damit weitere Generationen noch mindestens genauso gut darauf leben können, wie ich.
Also rufe ich dazu auf, Frieden zu fordern. Nicht auf jede Gefahr mit Waffen zu werfen und den Mut zu besitzen, in Zeiten des Friedens sich dafür einzusetzen, dass wir alle bis ans Ende aller Tage in Frieden leben können.
Es ist 2026 und es herrscht immer noch Krieg in der Ukraine. Hätten Sie keine Waffen, wären sie verloren. Es scheint, als würde man um Waffen und Aufrüstung nicht herumkommen, wenn man die weltpolitische Lage betrachtet. Ich kann die Sehnsucht nach Sicherheit nachvollziehen und wünsche mir nicht weniger, dass wir im Kriegsfall beschützt werden. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich mir wünsche, dass wir uns kriegerisch zur Wehr setzen werden, um den Feind abzuwehren, der Leid über uns bringt. Und gleichzeitig kann und möchte ich nicht zulassen, dass wir uns einer einfachen Lösung hingeben. Denn diese Lösung heißt nicht nur, dass wir uns heute verteidigen müssen, sondern auch, dass wir ganz selbstverständlich billigen, dass unsere Kinder diese Verteidigung später leisten müssen. Bei diesem Gedanken ist für mich eine rote Linie überschritten. Was maße ich mir denn an, festzulegen, dass meine Kinder später ihr Land verteidigen sollen? Das ist grenzüberschreitend und übergriffig. Weil ich jetzt nicht in der Lage bin, den Frieden herbeizuführen, ist es okay, wenn meine Kinder ein Land verteidigen müssen?
Es ist unsere Aufgabe, einen Zustand herbeizuführen, dass unsere Kinder den Frieden erleben und das Leben leben können, auf welches wir sie vorbereiten und welches sie verdient haben. Niemand hat Krieg verdient.
